Ursprung einer außergewöhnlichen Gemeinschaft

Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist das Protokoll einer über 800-jährigen gewachsenen Kultur. Sie begann im 12. Jahrhundert – nicht mit Unterwerfung – sondern mit einem Vertrag. Der ungarische König Géza II. und später Andreas II. holten deutsche Bürger – überwiegend aus dem Rhein-Mosel-Raum, aus Luxemburg, Flandern und dem heutigen westdeutschen Gebiet – als Siedler nach Siebenbürgen ins Karpatenbecken.

Das Ziel dieser Ansiedlung war klar: Als Siedler sollten sie das dünn besiedelte und gefährdete Grenzland wirtschaftlich erschließen, befestigen und gegen die ständigen Angriffe nomadischer Reiterheere, insbesondere der Tataren und später der Osmanen, sichern. Die deutschen Siedler erhielten dafür Rechte, die für das Mittelalter nahezu revolutionär waren.

Der Goldene Freibrief

Im Jahr 1224 verlieh der ungarische König Andreas II. den deutschen Siedlern den berühmten „Goldenen Freibrief“, das sogenannte Andreanum. Dieses Dokument wurde zur rechtlichen und politischen Grundlage der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft und garantierte den Sachsen über Jahrhunderte hinweg weitreichende Freiheits- und Selbstverwaltungsrechte.

Das Andreanum war weit mehr als ein Privilegienbrief. Es stellte eine verbindliche Rechts- und Verfassungsordnung dar. Die Sachsen wurden dadurch freie Bürger auf eigenem Grund und unterstanden direkt dem König – nicht lokalen Feudalherren. Diese Stellung unterschied sie grundlegend von vielen anderen Bevölkerungsgruppen Europas jener Zeit.

Bischof Geord Daniel Teutsch – geistige und moralische Leitfigur

Der bedeutende siebenbürgisch-sächsische Bischof, Historiker und Politiker Georg Daniel Teutsch (nachweislich ein Vorfahre von mir) betrachtete das Andreanum als die grundlegende Freiheits- und Rechtsordnung der Siebenbürger Sachsen.

In seinen historischen und politischen Schriften hob er hervor, dass die durch den Goldenen Freibrief garantierte Selbstverwaltung, die freie Wahl der Amtsträger und die kommunale Autonomie entscheidend zur Geschlossenheit und zum Gemeinsinn der Sachsen beigetragen hätten. Zugleich sah er darin eine wesentliche Grundlage für die kulturelle Entwicklung der sächsischen Gemeinschaft. Sein gesamtes politisches Wirken war auf die Bewahrung dieser historischen Freiheitsrechte und der Autonomie des Königsbodens ausgerichtet.

Georg Daniel Teutsch gilt bis heute als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Er zeichnete sich nicht nur durch seine große historische Bildung und seine geistige Klarheit aus, sondern auch durch seinen tiefen Sinn für Verantwortung gegenüber seinem Volk. Als evangelischer Bischof, Historiker, Politiker und Bewahrer der sächsischen Identität verband er Glauben, Bildung, Geschichtsbewusstsein und politisches Engagement auf außergewöhnliche Weise.

Besonders bedeutend war sein Einsatz für die historischen Freiheitsrechte und die Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachsen in einer Zeit, in der diese zunehmend bedroht waren. Teutsch erkannte früh, dass die Stärke der Sachsen nicht allein im wirtschaftlichen Erfolg lag, sondern vor allem in ihrem Gemeinsinn, ihrer Bildungsorientierung, ihrer demokratischen Ordnung und ihrer kulturellen Geschlossenheit. Mit seinen historischen Werken bewahrte er nicht nur die Geschichte der Sachsen, sondern stärkte auch das Bewusstsein einer gemeinsamen Identität.

Für viele Siebenbürger Sachsen wurde Georg Daniel Teutsch deshalb zu einer moralischen und geistigen Leitfigur. Er verkörperte die Überzeugung, dass Freiheit, Selbstverwaltung, Bildung und Verantwortung die tragenden Grundlagen der sächsischen Gemeinschaft seien. Sein Wirken prägte das Selbstverständnis der Sachsen weit über seine eigene Zeit hinaus und wirkt bis heute im historischen und kulturellen Gedächtnis der Gemeinschaft nach.

Der Königsboden – Freiheit durch demokratische Selbstverwaltung

Die Grundlage der sächsischen Ordnung war der sogenannte Königsboden. Die Sachsen siedelten auf Land, das unmittelbar dem König unterstand. Dadurch blieben sie von der Herrschaft regionaler Adliger weitgehend unabhängig und konnten ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln.

Aus dieser Sonderstellung entwickelte sich ein einzigartiges demokratisches Gemeinwesen, das über Jahrhunderte Bestand hatte. Während in vielen Teilen Europas feudale Abhängigkeiten herrschten, entstand in Siebenbürgen eine Kultur kommunaler Freiheit, Selbstverantwortung und Mitbestimmung.

Das demokratische System der Siebenbürger Sachsen beruhte auf einer Mischung aus direkter Demokratie auf lokaler Ebene und repräsentativen Strukturen auf regionaler Ebene. Die Gemeinschaften organisierten sich selbst, regelten ihre Angelegenheiten eigenständig und entwickelten dadurch eine außergewöhnlich starke soziale Bindung.

Das Siedlungsgebiet war in sogenannte Stühle – Verwaltungs- und Gerichtsbezirke – sowie freie Städte gegliedert. Bedeutende Zentren waren unter anderem der Hermannstädter Stuhl, Kronstadt, Schäßburg oder Mediasch. Jede Gemeinde besaß weitreichende Autonomie.

Besonders bemerkenswert war die Tatsache, dass die Gemeinschaft ihre Richter, Amtsträger und Pfarrer selbst wählte. Für das Mittelalter und die frühe Neuzeit stellte dies eine außergewöhnlich demokratische Praxis dar. Entscheidungen wurden in enger Abstimmung innerhalb der Dorfgemeinschaften getroffen. Verantwortung war kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Realität.

Die Sächsische Nationsuniversität – politische Selbstbestimmung

Die höchste politische Vertretung der Siebenbürger Sachsen war die sogenannte Sächsische Nationsuniversität (Universitas Saxonum). Dieses Gremium bestand aus gewählten Vertretern der Stühle und Städte und fungierte über Jahrhunderte als zentrale politische Institution der Sachsen.

Die Universitas Saxonum war von 1486 bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die oberste politische Selbstverwaltungskörperschaft der Siebenbürger Sachsen im Königreich Ungarn. Als rechtliche Einheit garantierte sie der deutschen Gemeinschaft in Siebenbürgen weitreichende Autonomie, eigene Gerichtsbarkeit sowie den Schutz ihrer Rechte.

Ihre Entstehung geht auf das Jahr 1486 zurück, als König Matthias Corvinus den Andreanischen Freibrief bestätigte und sämtliche sächsischen Stühle sowie die Distrikte Bistritz und Kronstadt zur sogenannten „Universitas Saxonum“ vereinigte. Die Institution fungierte als politische Gesamtvertretung und höchste Verwaltungsinstanz auf dem sogenannten Königsboden.

Geleitet wurde sie vom Sachsengespan, der in der Regel zugleich der gewählte Bürgermeister von Hermannstadt war. Gemeinsam mit dem Eigen-Landrecht bildete die Nationsuniversität die Grundlage der ständischen Autonomie der Siebenbürger Sachsen. Bis etwa 1876 blieb die Universitas Saxonum bestehen, ehe sie im Zuge der Verwaltungsreformen in Ungarn aufgelöst wurde. Für die Bewahrung der siebenbürgisch-sächsischen Identität sowie der politischen und rechtlichen Sonderstellung gegenüber der ungarischen Krone war die Institution von entscheidender Bedeutung.

Die Nationsuniversität regelte Rechtsprechung, Steuerfragen, Verwaltung, Verteidigungsangelegenheiten, Bildungsfragen sowie die politische Vertretung gegenüber dem ungarischen König und später dem siebenbürgischen Fürsten. Damit entstand innerhalb Siebenbürgens eine weitgehend autonome Körperschaft mit eigener Verwaltung, eigener Rechtstradition und eigener politischen Ordnung.

Die Fähigkeit zur Selbstorganisation und die über Generationen entwickelte politische Kultur führten dazu, dass die Siebenbürger Sachsen schließlich zu einem staatstragenden Landstand innerhalb Siebenbürgens wurden. Ihre Geschlossenheit, Disziplin und organisatorische Stärke machten sie über Jahrhunderte zu einer der stabilsten Gemeinschaften Südosteuropas.

Freiheit, Verantwortung und gegenseitige Hilfe

Die über Jahrhunderte gewachsene Freiheit führte zu einer besonderen Mentalität. Die Siebenbürger Sachsen entwickelten eine Gemeinschaftskultur, die stark auf gegenseitiger Hilfe, Verantwortung und Zusammenhalt beruhte.

Diese Solidarität ging weit über familiäre Bindungen hinaus. Das Dorf funktionierte als geschlossene Gemeinschaft, in der jeder Einzelne Verantwortung für das Ganze trug. Gemeinschaftsarbeit, gegenseitige Hilfe bei Ernte, Hausbau oder Notlagen sowie gemeinsame Entscheidungen prägten das soziale Leben.

Die demokratischen und freiheitlichen Strukturen stärkten das Bewusstsein, Teil einer eigenständigen Gemeinschaft zu sein. Dadurch entstanden über Jahrhunderte hinweg gemeinsame Werte, Regeln und Traditionen, die das Leben der Sachsen tief prägten.

Disziplin, Pflichtbewusstsein, Ordnung, Bildung und Verlässlichkeit wurden zu tragenden Grundwerten. Gleichzeitig entwickelte sich eine starke kulturelle Eigenständigkeit.

Die Entstehung einer einzigartigen Kultur

Die Siebenbürger Sachsen bildeten im Laufe der Jahrhunderte eine eigene kulturelle Identität aus. Diese spiegelte sich in Sprache, Architektur, Kleidung, Bräuchen, Musik und gesellschaftlichen Regeln wider. Besondere Bedeutung hatten die sächsischen Trachten, die Dialekte, kulinarische Spezialitäten, traditionelle Nachbarschaften, kirchliche Feiertage, Handwerksordnungen sowie das stark strukturierte Gemeindeleben.

Die Pflege dieser Traditionen war kein folkloristischer Nebenaspekt, sondern Ausdruck des gemeinschaftlichen Selbstverständnisses. Die kulturellen Regeln stärkten die Gemeinschaft und bewahrten ihre Identität selbst in Zeiten äußerer Bedrohung.

Die Kirchenburgen – Wehrhaftigkeit und Glauben

Inmitten ständiger Gefahren schufen die Siebenbürger Sachsen eine weltweit einzigartige Kulturform: die Kirchenburgen.

Da ein umfassender militärischer Schutz des Landes unmöglich war, befestigten die Sachsen ihre Kirchenanlagen. Jedes Dorf verwandelte seine Kirche in eine Verteidigungsanlage mit Ringmauern, Wehrtürmen, Schießscharten, Vorratskammern und kleinen Wohnräumen, die bei längeren Belagerungen als Unterkunft dienten.

Die Kirchenburgen dienten nicht nur als religiöse Zentren, sondern auch als Schutzräume für die gesamte Bevölkerung. Über Jahrhunderte war das Läuten der Glocken das Signal zum Rückzug hinter Mauern und Zinnen.

Während das Umland häufig durch Kriege und Überfälle verwüstet wurde, bewahrten diese Anlagen das Überleben und die Identität der Gemeinschaften.

Die Kirchenburgen wurden zum sichtbaren Ausdruck einer Kultur, die Glauben, Selbstverwaltung und gemeinschaftliche Verteidigung miteinander verband.

Wirtschaftlicher Aufstieg und Bildungswesen

Neben ihrer politischen Organisation entwickelten die Siebenbürger Sachsen eine hochentwickelte städtische Kultur. Städte wie Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg oder Bistritz wurden bedeutende wirtschaftliche Zentren Südosteuropas.

Das Zunftwesen spielte dabei eine zentrale Rolle. Handwerker und Kaufleute organisierten sich in streng geregelten Zünften, die Qualität, Ausbildung und wirtschaftliche Stabilität gewährleisteten.

Durch Präzision, Disziplin und Bildungsorientierung erreichten die sächsischen Städte einen bemerkenswerten Wohlstand. Schulen, Druckereien und Bibliotheken entstanden früh. Nach der Reformation wurde die evangelische Kirche zum organisatorischen Zentrum des Bildungswesens.

Die evangelische Kirche übernahm dabei weit mehr als religiöse Aufgaben. Sie organisierte Schulen, Gemeindestrukturen und kulturelles Leben und wurde zum wichtigsten Träger der Identitätsbewahrung.

Bedrohungen und schleichender Verlust der Autonomie

Trotz ihrer starken Stellung blieb die Geschichte der Siebenbürger Sachsen von äußeren Bedrohungen geprägt. Im Laufe der Jahrhunderte mussten sie sich gegen Tataren, Osmanen und politische Machtverschiebungen behaupten. Dennoch gelang es ihnen lange Zeit, ihre Selbstverwaltung aufrechtzuerhalten.

Erst im 19. Jahrhundert begann der systematische Verlust ihrer politischen Sonderrechte. Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 (eine politische Vereinbarung zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Ungarn innerhalb der Österreich-Ungarns) setzte eine zunehmende Magyarisierung ein. Die ungarische Regierung versuchte, die ethnischen Minderheiten stärker in einen zentralisierten Nationalstaat einzugliedern.

1876 wurde die jahrhundertealte sächsische Selbstverwaltung offiziell aufgehoben. Die Sächsische Nationsuniversität verlor ihre politische Funktion. Damit endete formal eine der ältesten autonomen Selbstverwaltungsordnungen Europas.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Übergang Siebenbürgens an Rumänien begann zusätzlich eine schrittweise Rumänisierung, welche die Stellung der Sachsen weiter schwächte.

Der Zweite Weltkrieg und der Zusammenbruch der Gemeinschaft

Der eigentliche Untergang der jahrhundertealten sächsischen Ordnung erfolgte jedoch im 20. Jahrhundert.

Der Zweite Weltkrieg brachte die Gemeinschaft in eine existenzielle Krise. 1944 begann mit dem Vormarsch der Roten Armee die Flucht und Vertreibung vieler Siebenbürger Sachsen. Zahlreiche Familien flohen Richtung Westen oder wurden später umgesiedelt.

Nach dem Krieg traf die Sachsen die sogenannte Kollektivschuld. Viele Männer und Frauen wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert. Enteignungen, Diskriminierungen und Entrechtungen zerstörten die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinschaft.

Die kommunistische Diktatur unter Nicolae Ceaușescu setzte diese Politik fort. Bauernhöfe, Eigentum und Unternehmen wurden enteignet. Die traditionelle dörfliche Ordnung wurde durch Kollektivierung systematisch zerstört.

Besonders perfide war die spätere Praxis des rumänischen Regimes, die Siebenbürger Sachsen faktisch zur Handelsware zu machen. Gegen hohe Zahlungen der Bundesrepublik Deutschland ließ das Ceaușescu-Regime deutsche Minderheitenangehörige ausreisen. Für sogenannte „Kopfgelder“ wurden Menschen verkauft – ein beispielloser Vorgang in Europa des 20. Jahrhunderts.

Exodus und beinahe vollständiges Verschwinden

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des Ceaușescu-Regimes setzte ab 1989 ein massenhafter Exodus ein. Innerhalb weniger Jahre verließen fast alle verbliebenen Siebenbürger Sachsen ihre jahrhundertealte Heimat.

Mit dieser Auswanderung verschwand auch ein großer Teil des lebendigen sächsischen Gemeinschaftslebens. Viele Dörfer verloren ihre deutsche Bevölkerung nahezu vollständig. Schulen, Nachbarschaften und traditionelle Strukturen lösten sich auf.

Heute existieren nur noch kleine Restgemeinschaften der Siebenbürger Sachsen in Rumänien. Zahlreiche Kirchenburgen, Friedhöfe und historische Gebäude zeugen jedoch weiterhin von der jahrhundertelangen Präsenz dieser Kultur.

Vor allem die evangelische Kirche, Stiftungen und Bürgerinitiativen bemühen sich bis heute darum, die verbliebenen Gemeinden, Traditionen und Bauwerke zu erhalten. Restaurierungen, kulturelle Veranstaltungen und internationale Unterstützungsprojekte versuchen, das Erbe der Siebenbürger Sachsen zu bewahren.

Das Vermächtnis der Siebenbürger Sachsen

Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist die Geschichte einer außergewöhnlichen europäischen Gemeinschaft. Über mehr als 800 Jahre entwickelten sie auf Grundlage von Freiheit, Selbstverwaltung und Verantwortung eine stabile demokratische Ordnung mitten im Karpatenraum.

Ihre politische Kultur beruhte nicht auf zentraler Herrschaft, sondern auf lokaler Mitbestimmung, gegenseitiger Hilfe und gemeinschaftlicher Verantwortung. Diese Ordnung schuf nicht nur wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Stabilität, sondern auch eine einzigartige kulturelle Identität.

Die Kirchenburgen, Städte, Traditionen und sozialen Strukturen der Siebenbürger Sachsen bleiben bis heute Zeugnisse einer jahrhundertelangen europäischen Kulturgeschichte – einer Kultur, die trotz Vertreibung, Unterdrückung und Exodus tiefe Spuren hinterlassen hat.

Zwischen Erinnerung, Herkunft und kulturellem Erbe

Als Nachfahrin der Siebenbürger Sachsen, als in Deutschland geborene Tochter eines in Bistritz geborenen und aufgewachsenen Siebenbürger Sachsen, empfinde ich bei jedem Besuch in Siebenbürgen zugleich große Freude und eine stille Wehmut. Obwohl ich nie selbst dort gelebt habe, spüre ich eine tiefe Verbindung zu diesem Land, zu meinen Ahnen, dieser besonderen Gemeinschaft und zu ihrer jahrhundertealten Geschichte.

Diese zutiefst demokratische, freiheitliche und selbstbestimmte Kultur hat mich zweifelsohne geprägt. Das in ihr über Generationen gewachsene Freiheitsverständnis scheint mir auf besondere Weise mitgegeben worden zu sein – als Teil eines kollektiven Bewusstseins, das bis heute nachwirkt; als Teil meines Ahnenerbes, Teil meiner DNA. Anders lassen sich manche Gefühle kaum erklären, die mich dort immer wieder erfassen.

Wenn ich ein von Sachsen erbautes Gebäude betrete, entsteht oft das ehrfürchtige Bewusstsein, dass dieses Bauwerk einst von meinen Vorfahren geschaffen, geprägt und über Jahrhunderte erhalten wurde. Zugleich liegt darin manchmal auch ein leiser Schmerz, weil vieles von dem, was einst Ausdruck einer lebendigen sächsischen Kultur war, heute nur noch als Erinnerung fortbesteht.

Solche Empfindungen sind gewiss kein singuläres Schicksal; viele Völker haben im Laufe der Geschichte den Verlust ihrer Heimat oder ihrer kulturellen Kontinuität erfahren. Dennoch berührt es mich in besonderer Weise, weil es Teil der Geschichte meiner eigenen Familie und Herkunft ist.

Wenn ich die herrschaftlichen Städte wie Hermannstadt, Bistritz, Schäßburg oder Kronstadt sehe, bin ich tief beeindruckt von ihrer Schönheit und architektonischen Baukunst. Besonders eindrucksvoll sind für mich aber auch die Dörfer mit ihren typischen sächsischen Bauernhäusern und Höfen. Die Häuser stehen meist geschlossen entlang breiter Straßen, mit hohen Toren zur Straßenseite hin, hinter denen sich langgestreckte Höfe öffnen.

Auf das Wohnhaus folgen Stallungen, Scheunen, Werkstätten und Vorratsräume, geordnet entlang eines rechteckigen Hofes, hinter dem sich Gärten und Felder anschließen. Im Mittelpunkt vieler Dörfer erhebt sich die mächtige Wehrkirche – jahrhundertealt, wehrhaft und zugleich geistiges Zentrum der Gemeinschaft.

Diese alten Wehrkirchen beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue. Alles in diesem Land scheint Geschichte zu atmen – den jahrhundertealten Geist einer Kultur, die auf Freiheit, Selbstbestimmung, Tradition und Zusammenhalt gegründet war.

Obwohl die Sachsen jahrhundertelang immer wieder in ihrer Existenz bedroht waren, gelang es dieser Gemeinschaft, durch ihre moralische Stärke und ihren ausgeprägten Gemeinsinn, in einem fremden Land über Jahrhunderte hinweg eine einzigartige Kulturlandschaft aufzubauen und zu bewahren und schuf so eine ganz eigene Tradition.

Exodus, Erinnerung und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat

In den vergangenen wenigen Jahrzehnten konnten wir nahezu live miterleben, wie eine jahrhundertealte Kultur beinahe vollständig aus ihrer angestammten Heimat verschwunden ist. Zwar existieren bis heute noch kleinere sächsische Gemeinschaften in Rumänien, doch sie machen heute eine Minderheit aus. Vieles, was über Jahrhunderte hinweg das Leben auf dem Königsboden geprägt hat, ist nur noch in Fragmenten erhalten.

Gleichzeitig bemühen sich viele ausgewanderte oder geflohene Siebenbürger Sachsen in ihrer neuen Heimat darum, ihre Traditionen, Bräuche und ihr kulturelles Erbe weiterzutragen. Zahlreiche Ortsverbände, Heimattreffen, Trachten- und Tanzgruppen sowie das alljährliche Sachsentreffen in Dinkelsbühl zeugen von diesem tiefen Wunsch, die eigene Geschichte lebendig zu halten und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Dieses Bemühen ist schön, würdevoll und bewundernswert.

Und dennoch bleibt die traurige Anerkenntnis, dass die lebendige sächsische Kultur in ihrer eigentlichen Heimat heute kaum noch existiert. Denn Kultur besteht nicht nur aus Erinnerungen, Trachten oder Festen, sondern auch aus dem Raum, in dem sie über Jahrhunderte gewachsen ist – aus den Häusern und Höfen, den Städten und Wehrkirchen, den Wäldern und Feldern, den Straßen und Kulturlandschaften, den markanten imposanten Karpaten und dem gesamten historischen Lebensraum des ehemaligen Königsbodens. Gerade dort, wo diese Kultur einst ihren lebendigen Ausdruck fand, ist sie heute oftmals nur noch Erinnerungen vorhanden.

Sehnsucht nach echter Gemeinschaft

Viele Siebenbürger Sachsen und ihre Nachfahren verspüren heute zunehmend eine Sehnsucht nach jener besonderen Form von Gemeinschaft, die ihre Kultur über Jahrhunderte geprägt hat. Sie vermissen den starken Zusammenhalt, das Gefühl kultureller Verwurzelung und jene selbstverständliche Verbundenheit innerhalb der Gemeinschaft, die das Leben der Sachsen einst auszeichnete. Ebenso vermissen viele die Landschaft ihrer Herkunft – die weiten Ebenen und Wälder Siebenbürgens, die Karpaten, die alten Dörfer mit ihren charakteristischen Bauernhäusern, die Wehrkirchen und die einzigartige architektonische Prägung dieser Kulturlandschaft.

Gerade deshalb wächst bei manchen der Wunsch, nach Siebenbürgen zurückzukehren. Denn viele empfinden, dass bestimmte Werte, welche die sächsische Gemeinschaft über Jahrhunderte getragen haben – das demokratische und freiheitliche Selbstverständnis, der ausgeprägte Gemeinsinn, die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die Pflege von Traditionen und der enge soziale Zusammenhalt – in der westlichen Gesellschaft oft nur noch eingeschränkt vorhanden sind.

Dabei geht es weniger um eine Idealisierung der Vergangenheit, sondern vielmehr um die Erinnerung an eine besondere, gewachsene Kultur, in der Gemeinschaft, Verantwortung und kulturelle Identität einen hohen Stellenwert besaßen.

Für viele Siebenbürger Sachsen bleibt Siebenbürgen deshalb ein emotionaler und kultureller Teil ihrer Identität, der bis heute tief nachwirkt. Auch mich hat dieses kulturelle Erbe tief erfasst. Die besondere Atmosphäre dieses Landes, seine jahrhundertealte Geschichte, seine einzigartige Kulturlandschaft und der Geist dieser alten Gemeinschaft haben eine tiefe Wirkung auf mich entfaltet. Der Zauber und die Magie, die über Siebenbürgen liegen – seiner Städte und Dörfer, seiner Wehrkirchen, Wälder und der Karpaten – haben mich seither nicht mehr losgelassen.